Bindungsangst in Beziehungen

Bindungsangst wird häufig mit kurzen oder instabilen Beziehungen assoziiert. Die psychologische Forschung zeigt jedoch, dass Bindungsangst auch in langjährigen, scheinbar stabilen Partnerschaften auftreten kann, oft subtiler und schwerer einzuordnen.

Bindungsangst aus bindungstheoretischer Sicht

Die Bindungstheorie beschreibt Bindungsangst als Teil eines unsicher-vermeidenden oder unsicher-ambivalenten Bindungsstils. Menschen mit diesen Mustern erleben Nähe häufiger als emotional widersprüchlich: Sie wünschen sich Verbindung, reagieren jedoch mit Stress, innerer Distanz oder Rückzug, sobald emotionale Abhängigkeit spürbar wird.

Bindungsangst als regulatives Muster des emotionalen Systems

Empirische Studien legen nahe, dass Bindungsangst weniger aus aktuellen Beziehungsschwierigkeiten entsteht, sondern vielmehr auf frühe Beziehungserfahrungen zurückgeht, in denen emotionale Nähe als unzuverlässig, überfordernd oder nicht dauerhaft verfügbar erlebt wurde. Entscheidend ist dabei nicht ein einzelnes Ereignis, sondern die wiederholte Erfahrung, dass Nähe keine verlässliche Sicherheit bietet.

Frühe Erfahrungen prägen emotionale Regulation

In der frühen Entwicklung sind Kinder vollständig auf Bezugspersonen angewiesen, um emotionale Zustände zu regulieren. Wenn Bezugspersonen emotional schwankend, distanziert oder selbst überlastet sind, fehlt diese co-regulierende Funktion. Nähe wird dann nicht als beruhigend, sondern als unsicher oder unvorhersehbar erlebt. Diese Lernerfahrungen werden dabei nicht bewusst gespeichert, sondern implizit im Nervensystem verankert.

Nähe als Stressauslöser im Erwachsenenalter

Im Erwachsenenalter zeigen sich diese frühen Anpassungen als Bindungsangst. Aus neuropsychologischer Sicht reagiert das autonome Nervensystem auf emotionale Nähe nicht mit Entspannung, sondern mit Aktivierung des Stresssystems. Körperlich kann sich dies als innere Unruhe, Rückzugsimpuls oder emotionale Abschaltung äußern.

Wichtig ist:
Diese Reaktionen erfolgen meistens automatisch und unwillkürlich. Sie sind keine bewusste Entscheidung gegen den Partner oder die Partnerin, sondern ein Schutzmechanismus, der darauf abzielt, das innere Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.

Bindungsangst ist kein Beziehungsdefizit

Bindungsangst sollte daher nicht als Mangel an Bindungsfähigkeit verstanden werden, sondern als funktionales Regulationsmuster, das in früheren Lebensphasen sinnvoll war. Problematisch wird dieses Muster erst dann, wenn es in erwachsenen Partnerschaften weiterhin aktiv ist, obwohl reale Gefahr nicht mehr besteht. Bindung und Autonomie geraten dann innerlich in Konkurrenz, anstatt sich zu ergänzen.

Auswirkungen auf die Paarbeziehung

Bindungsangst äußert sich selten offen, sondern eher durch:

  • Rückzug nach intensiven Momenten emotionaler Nähe

  • Schwierigkeiten, Bedürfnisse oder Gefühle klar zu benennen

  • Ambivalenz gegenüber Zukunftsplänen

  • emotionale Distanz trotz bestehender Bindung

Diese Dynamiken werden von Partner:innen häufig als Ablehnung oder mangelnde Liebe interpretiert, obwohl die emotionale Bindung meist vorhanden ist.

Fazit

Bindungsangst ist kein Zeichen fehlender Beziehungsfähigkeit, sondern Ausdruck erlernter Schutzmechanismen. Wichtig ist auch, sie ist veränderbar, insbesondere in einem sicheren, reflektierenden Beziehungsrahmen.

In meiner Praxis für Paartherapie in Düsseldorf und auch online helfe ich Paaren als erfahrene Psychologin und Paartherapeutin, wieder mehr Verständnis, Nähe und Leichtigkeit in ihre Beziehung zu bringen.

Quellen und weiterführende Literatur

Ainsworth, M. D. S. (1989). Attachments beyond infancy. American Psychologist, 44(4), 709–716.
Bowlby, J. (1988). A secure base: Parent-child attachment and healthy human development. Basic Books.
Hazan, C., & Shaver, P. R. (1987). Romantic love conceptualized as an attachment process. Journal of Personality and Social Psychology, 52(3), 511–524.
Mikulincer, M., & Shaver, P. R. (2016). Attachment in adulthood (2nd ed.). Guilford Press.
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