Nicht gegen mich, sondern für sich? Was hinter Rückzug in Beziehungen steckt

Wenn sich mein Partner/meine Partnerin zurückzieht, Gesprächen ausweicht oder emotional nicht mehr erreichbar wirkt, löst das oft Verunsicherung aus. Viele Menschen fragen sich: „Liebt er/sie mich eigentlich noch?“, „Habe ich etwas falsch gemacht?“ oder „Ist unsere Beziehung in Gefahr?“

Tatsächlich gehört emotionaler Rückzug zu den häufigsten Themen in der Paartherapie. Aus Sicht der Emotionsfokussierten Paartherapie und der Schematherapie steckt dahinter jedoch häufig nicht zwangsläufig mangelnde Liebe oder mangelndes Interesse, sondern ein Versuch, mit belastenden Gefühlen umzugehen.

Warum ziehen sich Menschen in Beziehungen überhaupt zurück?

Wenn wir uns verletzt, überfordert oder bedroht fühlen, reagieren wir sehr unterschiedlich. Manche suchen Nähe und Austausch, andere ziehen sich zurück, schweigen oder vermeiden Konflikte.

Die Emotionsfokussierte Paartherapie versteht Rückzug als Schutzreaktion auf Gefühle wie Angst, Scham, Unsicherheit oder Überforderung. Was von außen wie Desinteresse wirkt, kann innerlich eher so aussehen:

  • „Ich möchte keinen Streit.“

  • „Ich weiß nicht, wie ich darüber sprechen soll.“

  • „Ich habe Angst, etwas falsch zu machen.“

  • „Ich fühle mich überfordert.“

Der Rückzug richtet sich dabei also in der Regel nicht gegen die Beziehung, sondern dient dem Selbstschutz.

Der Kreislauf von Nähe und Distanz

Häufig entsteht ein belastendes Muster: Eine Person in der Beziehung spürt Distanz und sucht mehr Nähe, Austausch oder Klärung. Die andere Person fühlt sich unter Druck gesetzt oder überfordert und zieht sich weiter zurück. Dadurch landet das Paar in eine Art “Teufelskreis”: Je stärker die eine Person Nähe sucht, desto mehr Distanz entsteht und umgekehrt.

Die Forschung zeigt, dass solche sogenannten „Verfolger-Rückzügler-Muster“ (pursuer-withdrawer pattern) zu den häufigsten negativen Interaktionsmustern in Paarbeziehungen gehören und eng mit Beziehungsunzufriedenheit verbunden sind (Christensen & Heavey, 1990).

Aus meiner Sicht als Paartherapeutin ist deshalb nie die einzelne Person das Problem, sondern der gemeinsame Teufelskreis.

Alter Muster, die sich wiederholen

Die Schematherapie geht davon aus, dass unsere frühen Beziehungserfahrungen prägen, wie wir uns heute in Partnerschaften erleben und verhalten. Wurden grundlegende emotionale Bedürfnisse nach Sicherheit, Verbundenheit, Anerkennung oder Verlässlichkeit früher nicht ausreichend erfüllt, können sich sogenannte Schemata entwickeln. Dabei handelt es sich um tief verankerte Muster des Denkens, Fühlens und Handelns, die auch in späteren Beziehungen sichtbar werden können.

Im Zusammenhang mit Rückzug in Beziehungen zeigen sich häufig Muster wie Verlassenheitsängste, Scham oder emotionale Entbehrung. Menschen mit einer starken Angst vor Verlassenwerden reagieren oft besonders sensibel auf Distanz und erleben schnell Sorge vor Ablehnung oder Verlust. Andere ziehen sich zurück, weil Konflikte Gefühle von Unzulänglichkeit oder Scham auslösen und sie sich vor weiteren Verletzungen schützen möchten. Wieder andere haben gelernt, mit belastenden Gefühlen allein zurechtzukommen, weil sie in früheren Beziehungen wenig emotionale Unterstützung erfahren haben. Statt Nähe oder Hilfe zu suchen, ziehen sie sich daher eher zurück, weil sich das im ersten Moment sicherer und leichter anfühlt.

Aus schematherapeutischer Sicht sind solche Reaktionen keine bewussten Entscheidungen, sondern häufig alte Bewältigungsstrategien, die in der Vergangenheit sinnvoll waren. In der aktuellen Partnerschaft können sie jedoch dazu beitragen, dass sich Konflikte wiederholen und beide Partner*innen in belastende Beziehungsmuster geraten.

Was kann jetzt konkret helfen?

Der erste Schritt besteht oft darin, einmal ganz genau hinter das Verhalten zu schauen. Statt ausschließlich den Rückzug zu sehen, kann es hilfreich sein zu fragen:

  • Welche Gefühle könnten dahinterstehen?

  • Welche Bedürfnisse werden bei mir selbst aktiviert?

  • Wie kann ich meine Gefühle ausdrücken, ohne Vorwürfe zu machen?

Anstelle von:

„Du redest nie mit mir!“

kann beispielsweise hilfreicher sein:

„Wenn du dich zurückziehst, fühle ich mich verunsichert und wünsche mir mehr Verbindung.“

Studien zeigen, dass die Fähigkeit, eigene Gefühle und Bindungsbedürfnisse offen zu kommunizieren, mit höherer Beziehungszufriedenheit zusammenhängt (Johnson, 2019).

Wenn sich dieselben Konflikte immer wiederholen oder Gespräche zunehmend im Kreis verlaufen, kann Paartherapie dabei helfen, die zugrunde liegenden Muster sichtbar zu machen. Die Wirksamkeit der Emotionsfokussierten Paartherapie ist wissenschaftlich gut belegt. Meta-Analysen zeigen, dass etwa 70–75 % der Paare nach einer EFT-Behandlung deutliche Verbesserungen ihrer Beziehung berichten (Wiebe & Johnson, 2016).

Fazit

Wenn sich eine Person in einer Beziehung zurückzieht, bedeutet das nicht automatisch das Ende der Beziehung. Häufig steckt hinter dem Verhalten der Versuch, schwierige Gefühle zu bewältigen oder sich vor Verletzungen zu schützen. Ein besseres Verständnis der eigenen Bedürfnisse und der Dynamik zwischen beiden Partner*innen kann helfen, den Kreislauf von Nähe und Distanz zu durchbrechen.

Als Psychologin und Paartherapeutin in Düsseldorf begleite ich Einzelpersonen und Paare dabei, die tieferliegenden Gefühle, Bedürfnisse und Bindungsmuster hinter Rückzug und emotionaler Distanz zu verstehen. Ziel ist es, festgefahrene Interaktionsmuster zu verändern und wieder mehr Nähe, Vertrauen und emotionale Verbundenheit in der Beziehung zu ermöglichen

Quellen und weiterführende Literatur

Christensen, A., & Heavey, C. L. (1990). Gender and social structure in the demand/withdraw pattern of marital conflict. Journal of Personality and Social Psychology, 59(1), 73–81. https://doi.org/10.1037/0022-3514.59.1.73

Johnson, S. M. (2019). Attachment theory in practice: Emotionally focused therapy (EFT) with individuals, couples, and families. Guilford Press.

Wiebe, S. A., & Johnson, S. M. (2016). A review of the research in emotionally focused therapy for couples. Family Process, 55(3), 390–407. https://doi.org/10.1111/famp.12229

Young, J. E., Klosko, J. S., & Weishaar, M. E. (2005). Schematherapie: Ein praxisorientiertes Handbuch. Junfermann.

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