Fremdverliebt in einer Beziehung - Was Paare jetzt tun können
Sich in jemand anderen zu verlieben, obwohl man in einer festen Beziehung ist, kann sehr überfordernd und verunsichernd sein. Für viele Paare fühlt es sich an, als würde plötzlich der Boden unter der Beziehung wegbrechen. Das Vertrauen gerät ins Wanken, die körperliche und emotionale Nähe geht verloren und oft taucht sofort die Frage auf: “Bedeutet das jetzt das Ende unserer Beziehung?”
Warum Fremdverlieben auch in glücklichen Beziehungen vorkommt
Fremdverlieben ist nicht automatisch ein Zeichen für das Ende einer Beziehung. Manchmal zeigt es auch, dass etwas in der Beziehung wieder mehr Aufmerksamkeit, Verbindung oder Leichtigkeit braucht.
Viele Menschen erschrecken sich und werden unsicher, wenn sie plötzlich Gefühle für jemand anderen entwickeln, besonders dann, wenn sie ihre Beziehung eigentlich als stabil oder liebevoll erleben. Häufig entsteht sofort die Sorge, dass mit der Partnerschaft grundsätzlich etwas nicht stimmen müsse. Doch Gefühle für andere Menschen zu entwickeln, kann auch in langen Beziehungen vorkommen und bedeutet nicht automatisch, dass die Liebe zum Partner/zur Partnerin verschwunden ist.
In langjährigen Beziehungen verändert sich Nähe oft. Alltag, Stress, Verantwortung oder fehlende gemeinsame Zeit können dazu führen, dass Lebendigkeit, Aufmerksamkeit oder emotionale Intensität zeitweise in den Hintergrund treten. Wenn dann jemand Neues Interesse, Resonanz oder Nähe vermittelt, kann das starke Gefühle auslösen.
Entscheidend ist deshalb häufig weniger, dass solche Gefühle entstehen, sondern wie Paare damit umgehen.
Warum Fremdverlieben dennoch oft tieferliegende Ursachen hat
Aus Sicht der Emotionsfokussierten Paartherapie (EFT) steckt hinter Fremdverlieben oft mehr als „nur“ eine Entscheidung gegen den Partner/ die Partnerin. Oft zeigt sich darin, dass emotionale Nähe, Verbindung oder Sicherheit in der Beziehung verloren gegangen sind. Denn Menschen brauchen in Beziehungen emotionale Sicherheit. Das bedeutet u.a. das Gefühl zu haben, wichtig zu sein, gesehen zu werden und sich aufeinander verlassen zu können.
Wenn diese Verbindung über längere Zeit verloren geht, entstehen oft typische Beziehungsmuster: z.B. eine Person zieht sich zurück und die andere Person kämpft mehr um Nähe. Dadurch werden Gespräche schwieriger, Missverständnisse häufen sich und beide fühlen sich zunehmend allein (obwohl sie eigentlich Bindung suchen). Nicht selten entsteht dadurch ein Kreislauf, in dem sich die Distanz immer weiter verstärkt: Je mehr die eine Person Nähe sucht, desto mehr zieht sich die andere zurück. Und je stärker der Rückzug wird, desto größer werden Unsicherheit, Frustration oder Verlustangst beim Gegenüber.
In solchen Situationen kann die Begegnung mit einer anderen Person plötzlich etwas auslösen, das in der eigenen Beziehung vielleicht schon länger fehlt: das Gefühl, gesehen, verstanden oder emotional erreicht zu werden. Gerade weil diese Erfahrungen oft mit Lebendigkeit, Aufmerksamkeit oder Leichtigkeit verbunden sind, können sie sehr intensiv erlebt werden.
Warum Fremdverlieben so schmerzhaft ist
Das zu verstehen, macht die Verletzung für den Partner/die Partnerin aber natürlich nicht kleiner.
Häufig wird Fremdverlieben als tiefer Vertrauensbruch erlebt. Viele Betroffene reagieren mit Angst, Wut, Rückzug oder Kontrollverlust. Hinter diesen Reaktionen steckt meist etwas sehr Verletzliches:
die Angst, nicht mehr wichtig zu sein
die Angst, ersetzt zu werden
die Angst, die Beziehung zu verlieren
Wie Heilung und neue Nähe entstehen können
Entlastend kann es sein zu verstehen, dass hinter Wut, Rückzug oder Vorwürfen oft etwas sehr Verletzliches liegt: Angst, Enttäuschung, Einsamkeit oder die Sehnsucht nach emotionaler Nähe und Sicherheit. Gerade nach einer emotionalen Verletzung sprechen viele Paare vor allem darüber, was passiert ist, wer schuld hat oder wer was falsch gemacht hat. Die Gefühle darunter bleiben dagegen häufig unausgesprochen. Dabei sind es oft genau diese Gefühle, die eigentlich gesehen werden wollen.
Veränderung wird häufig erst dann möglich, wenn Paare beginnen, nicht nur ihre Vorwürfe, sondern auch ihre Verletzlichkeit miteinander zu teilen. Denn dann entstehen oft Gespräche, in denen es nicht mehr nur um Rechtfertigung oder Schuld geht, sondern darum, sich gegenseitig wieder emotional zu erreichen.
Zum Beispiel:
„Ich habe mich sehr allein gefühlt.“
„Ich wünsche mir wieder mehr Nähe zwischen uns.“
„Ich brauche Sicherheit von dir.“
„Du bist mir wichtig und ich hatte Angst, dich zu verlieren.“
Solche Momente schaffen häufig mehr Verbindung als lange Diskussionen darüber, wer recht hat.
Wichtig ist dabei auch, den Schmerz nicht vorschnell kleinzureden oder möglichst schnell „hinter sich bringen“ zu wollen. Vertrauen entsteht nach einer Verletzung meist nicht durch Worte allein, sondern durch neue Erfahrungen im Alltag: durch Offenheit, emotionale Verlässlichkeit und das Gefühl, wieder wirklich miteinander in Kontakt zu sein.
Kann eine Beziehung nach Fremdverlieben wieder stabil werden?
Kurz gesagt: Ja. Viele Paare finden nach einer Krise sogar wieder tiefer zueinander, wenn es gelingt, die dahinterliegenden Verletzungen und Bedürfnisse wirklich zu verstehen. Häufig scheitern Beziehungen weniger an der Verletzung selbst als daran, dass Paare emotional nicht mehr zueinander finden. Gerade deshalb kann eine Krise manchmal auch der Beginn von etwas Ehrlicherem sein: Mehr emotionaler Offenheit, mehr Verständnis füreinander und einer Verbindung, die wieder bewusster gelebt wird.
Als Psychologin und Paartherapeutin in Düsseldorf begleite ich Paare dabei, die emotionalen Dynamiken hinter Fremdverlieben, Affären und wiederkehrenden Konflikten besser zu verstehen, verletzende Beziehungsmuster zu durchbrechen und wieder mehr Nähe, Vertrauen und emotionale Verbindung zueinander zu finden.
Quellen und weiterführende Literatur
Bowlby, J. (1988). A secure base: Parent-child attachment and healthy human development. Basic Books.
Johnson, S. M. (2004). The practice of emotionally focused couple therapy: Creating connection (2nd ed.). Brunner-Routledge.
Johnson, S. M. (2008). Hold me tight: Seven conversations for a lifetime of love. Little, Brown Spark.
Jorgensen, R., & Johnson, S. M. (2005). Broken bonds: An emotionally focused approach to infidelity. Journal of Couple & Relationship Therapy, 4(2–3), 17–29.
Wiebe, S. A., & Johnson, S. M. (2016). A review of the research in emotionally focused therapy for couples. Family Process, 55(3), 390–407