Emotionale Affäre und Fremdgehen: Verstehen, verarbeiten und Beziehung neu aufbauen

1. Einordnung: Was ist eine emotionale Affäre?

Eine emotionale Affäre beschreibt eine intensive emotionale Bindung zu einer dritten Person außerhalb der Paarbeziehung, die durch Vertraulichkeit, Exklusivität und emotionale Nähe gekennzeichnet ist. Auch ohne sexuellen Kontakt wird sie von Betroffenen häufig als Vertrauensbruch erlebt.

Studien zeigen, dass emotionale Untreue ähnliche psychische Reaktionen auslöst wie sexuelle Untreue: Schock, Kontrollverlust, Angst, Wut und tiefe Kränkung. Entscheidend ist dabei weniger die Art des Kontakts als der Bruch des sicheren Bindungsgefühls.

Aus bindungstheoretischer Perspektive bedeutet Untreue häufig:

„Die wichtigste Bezugsperson ist in einem Moment existenzieller Verletzlichkeit nicht verlässlich erreichbar.“

2. Warum Affären entstehen und so verletzend sind

Emotionale Affären und Fremdgehen entstehen selten plötzlich oder „grundlos“. Meist entwickeln sie sich vor dem Hintergrund länger bestehender innerer Spannungen und unerfüllter emotionaler Bedürfnisse, die in der Paarbeziehung zunehmend schwerer zugänglich werden. Betroffene beschreiben häufig ein Gefühl von innerer Leere, Überforderung oder das Erleben, emotional nicht mehr wirklich gesehen zu werden.

Aus psychologischer Sicht greifen Menschen in solchen Situationen oft auf vertraute Bewältigungsstrategien zurück, die sie bereits früh im Leben gelernt haben. Manche reagieren mit Rückzug und innerer Distanz, andere suchen verstärkt Bestätigung, Nähe oder Entlastung außerhalb der Beziehung. Eine emotionale Affäre und/oder Fremdgehen kann dann unbewusst als Versuch erlebt werden, sich wieder lebendig, verbunden oder wertvoll zu fühlen, ohne sich den bestehenden Beziehungskonflikten direkt stellen zu müssen.

Für die betrogene Person stellt eine emotionale Affäre jedoch häufig eine tiefgreifende Bindungsverletzung dar. Entscheidend ist dabei nicht immer unbedingt, ob körperliche Untreue stattgefunden hat, sondern dass emotionale Nähe, Vertraulichkeit und Verbundenheit an eine Person außerhalb der Beziehung ausgelagert wurden. Viele erleben dies als plötzlichen Verlust von Sicherheit und Verlässlichkeit in der Beziehung.

Typische Reaktionen sind intensive Angst, Wut, Scham oder ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle. Gedanken kreisen unaufhörlich um das Geschehen, Vertrauen bricht ein, und das Gefühl emotionaler Verbundenheit geht verloren. Auf Paarebene entstehen häufig belastende Interaktionsmuster: Vorwürfe wechseln sich mit Rückzug ab, Rechtfertigungen mit Schweigen. Diese Dynamik verstärkt den Schmerz, anstatt ihn aktiv zu verarbeiten.

Aus paartherapeutischer Perspektive ist es sehr wichtig, dass beide Ebenen berücksichtigt werden. Erst wenn die zugrunde liegenden Bedürfnisse, Emotionen und Schutzstrategien verstehbar werden und der Schmerz der verletzten Person wirklich ernst genommen wird, kann Schritt für Schritt wieder emotionale Sicherheit wachsen.

3. Kann man nach emotionaler Affäre oder Fremdgehen wieder vertrauen?

Die Forschung ist hier differenziert: Vertrauen kann wieder aufgebaut werden, aber unter bestimmten Bedingungen.

Zentrale Wirkfaktoren sind dbaie

  1. Verantwortung der untreuen Person (keine Schuldumkehr)

  2. Verstehen, warum und wie es zu dem Vertrauensbruch gekommen ist

  3. Emotionale Zugänglichkeit statt defensiver Erklärungen

  4. Transparenz (zeitlich begrenzt, nicht kontrollierend)

  5. Raum für den Schmerz der betrogenen Person

  6. Neue korrigierende Beziehungserfahrungen

Die Emotionsfokussierte Paartherapie spricht auch von einer „Bindungsreparatur“: Der verletzende Moment wird emotional neu verarbeitet, sodass wieder Sicherheit entstehen kann.

4. Der paartherapeutische Prozess nach einem Vertrauensbruch

Phase 1: Stabilisierung & Verstehen

  • Affäre klar benennen (auch emotionale)

  • Schutz vor weiterer Verletzung

  • Negative Muster sichtbar machen

Phase 2: Emotionale Verarbeitung

  • Primäre Emotionen (Angst, Scham, Trauer) zugänglich machen

  • Schemata erkennen und benennen

  • Bindungsbedürfnisse ausdrücken lernen

Phase 3: Neuaufbau

  • Vertrauensfördernde Rituale

  • Neue Kommunikationserfahrungen

  • Entwicklung eines gemeinsamen Beziehungsnarrativs

Studien zeigen, dass kombinierte bindungs- und schematherapeutische Ansätze besonders wirksam sind, da sie sowohl emotionale Tiefe als auch strukturelles Verstehen ermöglichen.

In meiner Praxis für Paartherapie in Düsseldorf und in der Online-Paartherapie unterstütze ich Paare nach einem Vertrauensbruch dabei, wieder zueinanderzufinden und Schritt für Schritt Vertrauen, Nähe und Verständnis neu zu entwickeln. Dabei arbeite ich als Psychologin und erfahrene Paartherapeutin mit bewährten, wissenschaftlich fundierten Methoden der emotionsfokussierten Paartherapie (EFT) und der Schematherapie.

Quellen und weiterführende Links

Baucom, D. H., Snyder, D. K., & Gordon, K. C. (2009). Helping couples get past the affair. Guilford Press.

Greenberg, L. S., & Johnson, S. M. (1988). Emotionally focused therapy for couples. Guilford Press.

Johnson, S. M. (2019). Attachment theory in practice: Emotionally focused therapy (EFT) with individuals, couples, and families. Guilford Press.

Young, J. E., Klosko, J. S., & Weishaar, M. E. (2003). Schema therapy: A practitioner’s guide. Guilford Press.

Whisman, M. A., Gordon, K. C., & Chatav, Y. (2007). Predicting sexual infidelity in a population-based sample. Journal of Family Psychology, 21(2), 320–324. https://doi.org/10.1037/0893-3200.21.2.320

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Wenn Nähe fehlt – Strategien gegen emotionale Distanz in der Beziehung